| Publication Type | Articles (not peer reviewed) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Author | Christoph Engel | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Year of Publication | 2002 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Journal | Archiv für Presserecht | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Volume | 33 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Pagination | 119-128 | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
| Full Text |
Globale Netze und Lokale Werte in: Archiv für Presserecht 33 (2002) 119-128 VII. Rechtspolitische Folgerungen. 26 Chancen und Risiken sind Zwillinge. Kaum jemand leugnet die Chancen, die globale Netze im allgemeinen und das Internet im besonderen bergen. Aber viele sehen die damit verbundenen Risiken mit Sorge, oder das, was sie als Risiken wahrnehmen. Rassenfeindliche Äußerungen, Pornografie und Persönlichkeitsprofile haben die meiste Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Manche Besorgnisse sind beinahe universell. So ist es etwa bei Kinderpornografie. Bei anderen gibt es aber zumindest graduelle Unterschiede. So hat Deutschland rechtsgerichtete Schriften im Lichte seiner Geschichte tabuisiert. Und die Mehrheit der US-Amerikaner fühlt sich von Darstellungen nackter Körper verletzt, die die meisten Deutschen ganz harmlos finden. Eine von der Bertelsmann-Stiftung durchgeführte Studie drückt die Unterschiede auch in Zahlen aus. Befragt wurden in beiden Ländern Personen, die mindestens 18 Jahre alt waren. Die Befragten wurden gebeten, die Gefahren zu nennen, die sie mit dem Internet verbinden. Jeder Befragte konnte beliebig viele Gefahren nennen. Die Antworten fielen folgendermaßen aus[1]: <120>
Sodann wurde jeder Interview-Partner gebeten zu sagen, welche Inhalte im Internet nach seiner Ansicht verboten werden sollten. Die Antworten auf diese Frage sprechen eine noch deutlichere Sprache:
Solche Meinungsumfragen verführen zu einer simplizistischen These: globale Netze bedrohen lokale Werte. Die Wirklichkeit der globalen Netze und ihrer Wirkungen auf lokale Werte ist viel komplizierter. Das Deutsch-Amerikanische Akademische Konzil hat eine Studie in Auftrag gegeben, die das Verhältnis globaler Netze und lokaler Werte näher auslotet. Die Studie lag auf amerikanischer Seite in der Verantwortung des National Research Council. Diese Organisation ist die wichtigste amerikanische Einrichtung für die wissenschaftliche Politikberatung. Der deutsche Partner des NRC war die Max-Planck-Projektgruppe Recht der Gemeinschaftsgüter aus Bonn. Ein Gremium aus je 6 deutschen und amerikanischen Wissenschaftlern[2] hat zwei Symposien ausgerichtet [3]. Auf dieser Grundlage hat das Gremium einen umfangreichen Bericht erstattet. Nach Abschluss eines komplexen Gutachtenverfahrens wird der Bericht nun der Öffentlichkeit vorgestellt[4]. Der Bericht schildert die Entwicklung globaler Netze. Er untersucht ihre Wirkungen für Demokratie und politische Institutionen, für die Meinungsfreiheit[5], für Datenschutz und Informationsfreiheit und für den elektronischen Geschäftsverkehr[6]. Der Bericht skizziert mögliche regulierende Interventionen. Er schließt mit Betrachtungen zu den Folgen des Internet für lokale Kulturen. Dieser Beitrag beruht auf einem der einleitenden Kapitel des Berichts. Er versucht, eine konzeptionelle Basis für das Verständnis von Werten zu legen. Das ist eine beinahe schon tollkühne Mission. Denn fast alle Verhaltens- und Sozialwissenschaften haben zwar auf die eine oder andere Weise mit Werten zu tun. Sie alle vermeiden den Begriff aber tunlichst und ersetzen ihn durch spezifischere Konzepte. Doch in der Wirklichkeit und mehr noch in der politischen Auseinandersetzung geht es nun einmal ganz offen um Werte. Wer hier helfen will, kann der Frage deshalb nicht ausweichen, welche Funktion Werte für das Individuum, die Gesellschaft und den Staat haben (III). Sieht man näher hin, hat die öffentliche Erregung jedoch oft einen spezifischeren Grund (II). Werte interessieren in diesem Zusammenhang nur, wenn sie lokal sind. Was macht sie aber dazu (IV)? Außerdem ist ein Wert kein Wert an sich. Normativ ist die Sorge um seine Erosion nur dann berechtigt, wenn er auch legitim erscheint (V). Derart vorbereitet kann man schließlich die Pfade erforschen, auf denen globale Netze lokale Werte beeinflussen können (VI). All diese Überlegungen führen schließlich zu vorsichtigen Empfehlungen (VII). II. Geht es wirklich um Werte? Globale Netze und lokale Werte. Das ist eine griffige Formel. Sie sollte aber nicht dazu verführen, alles über einen Kamm zu scheren. Sieht man näher hin, hat die öffentliche Besorgnis gar nicht so selten einen viel spezifischeren Charakter. Wenn die Öffentlichkeit Schutz gegen die ungewollte Konfrontation mit der Darstellung brutaler Gewalt fordert, geht es in Wahrheit um die Sorge vor einem Trauma. Ebenso könnte es bei manchen Formen cruder Pornografie liegen. Ein Trauma ist eine seelische Verletzung. Wer Schutz vor Traumatisierung begehrt, strebt nicht nach der Stabilisierung einer lokalen normativen Überzeugung. Ihm geht es um die Aufrechterhaltung der seelischen Gesundheit. Das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Wer eine normative Überzeugung schützen will, muss die Personen erreichen, die diese Überzeugung bereits aufgegeben haben oder die in Versuchung sind. Ein Trauma trifft dagegen Personen, deren normative Überzeugungen unverrückt sind. Außerdem haben vereinzelte Verletzungen keine Folgen für die Geltung einer rechtlichen oder sozialen Norm. Eine einzige Konfrontation kann dagegen ausreichen, um ein Trauma auszulösen[7]. Eine weitere Eigenheit zeigt sich in der deutschen Reaktion auf national-sozialistisches Gedankengut. Die Verwendung national-sozialistischer Parolen, das offene Bekenntnis zur Ideologie der Nationalsozialisten oder die Verbreitung ihrer Publikationen ohne eindeutige Distanzierung sind in Deutschland tabuisiert. Ein Tabu ist ein sehr starkes Mittel zum Schutz und zur Durchsetzung eines Werturteils. Jeder, der das Tabu offen verletzt, schließt sich selbst aus der Gemeinschaft aus. Die Verletzung bedroht das Tabu zunächst einmal jedoch nicht. Einzelne Verletzungen können der Gesellschaft sogar helfen, das Tabu durchzusetzen. Die sichtbare Verteidigung des Tabus schweißt die Gesellschaft enger zusammen. Manche Gesellschaft definiert sich sogar gerade über gemeinsame Tabus[8]. In schwächerer Form gilt das auch für solche Werthaltungen, die zur jeweiligen „political correctness“ gehören. Herkömmlich wird der Zugang zu Pornografie und Gewaltdarstellungen nicht als ein allgemeines Problem der Moral behandelt. Vielmehr sind das klassische Anliegen des Jugendschutzes. Dabei spielt sicher auch Heuchelei mit. Erwachsene, die selbst etwas gegen die Darstellung nackter Körper haben, verstecken sich hinter dem Rücken ihrer Kinder. Aber die Unterscheidung ist wichtig für die Wahl der Regulierungsinstrumente. Geht es bloß um Jugendschutz, genügen Sicherungen gegen den Zugriff Minderjähriger. Die im Internet abrufbaren Anleitungen zum Bau von Bomben illustrieren drastisch eine weitere Unterscheidung. In solchen Fällen ist nicht das moralische Tötungsverbot in Gefahr, sondern das Leben der Menschen. Das soziale Problem entsteht also nicht aus der Kommunikation, sondern aus einem Handeln. Solche Probleme sind zwar ein Gegenstand der Kommunikationspolitik. Denn globale Netze erleichtern das zerstörerische Handeln. Aber es geht dabei nicht um den Schutz lokaler Werte. <121> Schließlich ist das große Wort vom lokalen Wert bei manchen Gegenständen ganz unangemessen. Ein gutes Beispiel ist das, was im angelsächsischen Sprachgebrauch freedom of information genannt wird. Dahinter verbirgt sich ein Informationsanspruch gegen die öffentliche Hand oder gegen Private. Das deutsche Recht öffnet sich dieser Vorstellung nur sehr zögernd[9]. Die USA sind hier traditionell viel offener[10]. Globale Netze erlauben gar nicht so selten, die deutschen Restriktionen zu umgehen. Denn viele öffentliche deutsche Dokumente werden mit ausländischen Stellen ausgetauscht und sind dort dann für die Öffentlichkeit verfügbar. Vor allem kann die Erfahrung der größeren ausländischen Offenheit aber einen Prozess der Politikdiffusion beschleunigen. Das wird deutschen Administratoren nicht gefallen. Aber deswegen erodiert noch kein deutscher lokaler Wert. Ein paralleles Beispiel für die USA ist die Kontrolle des Schusswaffengebrauchs. Man wird kaum annehmen können, dass die große Mehrheit der amerikanischen Bürger den ungehinderten Zugang zu Schusswaffen für einen lokalen Wert hält. Die politische Veto-Position der National Rifle Associataion war bislang einfach zu stark. Wenn globale Netze nun die schweigende Mehrheit der Amerikaner instandsetzen, eine restriktivere Waffenpolitik ernsthafter zu verfolgen, gefährdet das keinen lokalen amerikanischen Wert. Es erhöht nur die Chancen, dass die Regeln den ohnehin schon vorhandenen lokalen Werten entsprechen. Wer einen so facettenreichen Begriff wie den der Werte verstehen will, interpretiert ihn zugleich unvermeidlich (1). Das geschieht am besten, indem man die Funktion von Werten für Individuen (2), für die Gesellschaft (3) und für den Staat umreißt (4). Dabei ist nicht vorausgesetzt, dass ein vorhandener Satz an Werten eingefroren würde (5). Wählt man stattdessen den angemessenen dynamischen Blickwinkel, wird eine weitere Funktion von Werten sichtbar. Man könnte sie ihr evolutorisches Potenzial nennen (6). Wenn wir gefragt werden: „Was ist ein Stuhl?“, können wir eine sinnvolle Antwort geben, ohne von den Einsichten der Philosophen über die Probleme des Verstehens und Verständigens geplagt zu sein. Diese Probleme mögen existieren, aber unser gesunder Menschenverstand erlaubt uns, sie zu umschiffen. Die meisten von uns sind sich dieser Probleme nicht einmal bewusst. Bei der semantisch gleichen Frage: „Was ist ein lokaler Wert?“ würde uns die gleiche naive Haltung dagegen an jeder sinnvollen Antwort verhindern. Was ein Wert ist, hängt davon ab, von welchem Standpunkt aus wir fragen. Der analytische Rahmen für das Verständnis des Problems ist nicht neutral. Die Art, wie wir das Problem aufbereiten, ist selbst normativ. Sie beeinflusst unvermeidlich, welche Lösungen für das Problem wir in Betracht ziehen. Nahezu alle Verhaltens- und Sozialwissenschaften haben ihre eigene Vorstellung davon, was ein Wert ist. An dieser Stelle müssen ein paar Stichworte genügen. Natürlich geht es in der praktischen Philosophie, also der Ethik, um Werte. Die Philosophen greifen aber etwa auch dann auf das Konzept der Werte zurück, wenn sie darauf bestehen, dass Verstehen eine wertende Tätigkeit ist. Damit ist nämlich gesagt, dass wir die Wirklichkeit nicht ohne Vorverständnis verstehen können. Das gilt erst recht für unser Verständnis von Texten. Manche Philosophen würden sogar noch weiter gehen. Sie stellen sich den Menschen als ein soziales Wesen vor, als ein animal sociale. Dann macht erst Normativität den Übergang vom Individuum zur Person aus. Erst, wer sich selbst als Teil einer normativen Gemeinschaft definiert, hat den Naturzustand verlassen[11]. Die Anhänger der Rationaltheorie sehen das anders. Ihr Verhaltensmodell beginnt mit Bedacht beim Individuum, das seinen Nutzen maximiert. Das Modell ist an der Rationalität, nicht an der Moralität der Abstimmung von Verhalten interessiert. Diese Sicht dominiert unter den Ökonomen, und sie hat bei den Politikwissenschaftlern und Soziologen ihre Anhänger. Für das Rationalmodell ist die Unterscheidung zwischen Präferenzen und Restriktionen prägend. Wenn die Rationaltheorie ihr differenziertes Instrumentarium einsetzen will, muss sie Werte auf die Seite der Restriktionen schlagen. Werte werden dann zu Institutionen. Das schlechte Gewissen wird als psychische Kosten modelliert. Geteilte Werte werden als soziale Normen modelliert. Man kann diese Restriktionen dann auch als Instrumente deuten, die die Abstimmung von Verhalten erleichtern sollen. Dann mag man sie selbst auch als Güter verstehen, die nicht vom Markt bereit gestellt werden[12]. Anhänger weniger strenger Observanz treten mittlerweile aber auch häufiger für das ein, was sie Rationalmodelle der zweiten Generation nennen. Für diese Schule fallen die Präferenzen nicht mehr vom Himmel. Das erlaubt dann, Werte als Präferenzen zu verstehen, oder besser als Faktoren, die auf die Präferenzbildung Einfluss nehmen[13]. Ein dritte Denkschule geht von der Beobachtung aus, dass zwei oder mehr Personen tatsächlich einen bestimmten Wert gemein haben. Analytisch ist das eine Möglichkeit, um Kontext oder Geschichte hinzu zu fügen. Der geteilte Wert vermittelt dann Informationen über die Wahrscheinlichkeit von Verhalten[14]. Soziologen sind an der gesellschaftsbildenden Funktion von Werten interessiert. Die Integrationstheorie hält Werte für eine Art sozialen Kitt[15]. Im Ansatz der Systemtheorie wird jedes Subsystem, z.B. die Wirtschaft, das Recht oder die Politik, durch einen speziellen formalen Code zusammen gehalten, etwa Preis, Rechtmäßigkeit oder Macht. Der feste Code ermöglicht jedem Subsystem die Wahl flexibler Programme oder Werte, die sich von System zu System unterscheiden können[16]. Die Soziologie verfügt schließlich über die Unterscheidung zwischen geschlossenen und offenen Gesellschaften[17]. Charakteristikum einer geschlossenen Gesellschaft ist gerade, dass sie sich gegen fremde materielle Werte wehrt. Die Psychologie möchte Verhalten erklären. Werte tauchen dabei zumindest an drei Stellen auf. Werte helfen dem Individuum, die soziale Umgebung zu verstehen, auf die es mit seinem Verhalten reagiert. Werte können zweitens als Einstellungen verstanden werden, die dem Individuum helfen, zwischen verschiedenen Handlungsweisen zu wählen. Und Werte haben schließlich eine motivierende Wirkung. Sie regen das Individuum an, eine Einstellung in Verhalten zu übersetzen[18]. Gegenstand der Rechtswissenschaft sind formale Institutionen. Die Rechtswissenschaft unterstützt die Rechtsprechung bei der Auslegung des geltenden Rechts und bei der Suche nach analogem Fallrecht. Bei- <122> des ist eine hermeneutische Aufgabe und deshalb unvermeidlich von Werten beeinflusst[19]. Die Methodenlehre nennt das die teleologische Auslegung. In den säkularen Staaten unserer Tage wird Recht nicht mehr als göttliche Stiftung oder als historisch gewachsen verstanden. Die Legitimität des Rechts wird deshalb selbst zur normativen Frage. In der Sprache der Werte: Werte müssen selbst wieder durch Werte legitimiert werden. Außerdem fügt das Recht eine hilfreiche methodische Unterscheidung hinzu, die zwischen Regeln und Prinzipien. Regeln haben ein Konditionalprogramm: wenn A, dann B. Prinzipien haben dagegen ein Finalprogramm. Die Adressaten des Programms sind aufgefordert, so zu handeln, dass das Prinzip in dem Maße verwirklicht wird, in dem das die jeweilige Situation zulässt[20]. Werte sind Prinzipien, nicht Regeln. Schließlich fügt die Kulturtheorie den Gedanken der fundamentalen Relativität hinzu. Wert A mag nicht nur eines Tages durch Wert B ersetzt werden. Die Werte A und B können vielmehr auch gleichzeitig nach Verwirklichung verlangen, obwohl sie in verschiedene Richtungen deuten, ja vielleicht sogar widersprüchlich sind. Die Kulturtheorie verzichtet bewusst auf konzeptionell scharfe Trennungen. Sie untersucht im Gegenteil, wie es Gesellschaften gelingt, die Balance zwischen verschiedenen Solidaritäten, oder eben Wertorientierungen, zu halten [21]. Diese rasche tour d’horizon kann die Bedeutung von Werten natürlich nicht erschöpfend erklären[22]. Was lokale Werte sind, werden wir immer bestenfalls vorläufig verstehen. Politiker sollten jedenfalls nicht allein deshalb tätig werden, weil eine Theorie ein Problem benennen kann. Der Nutzen analytischer Anstrengungen liegt auf anderer Ebene. Facette um Facette macht den Schliff immer feiner und reicher. Der beste Weg, diese Facetten zu sehen, besteht in der Aufhellung der Funktionen, die Werte wahrnehmen. Das geschieht in den folgenden Abschnitten. 2. Funktion für das Individuum Werte helfen dem Individuum zu verstehen, zu entscheiden und zu existieren. Werte geben dem Individuum ein Maß. Es erhält eine normative Sprache. Diese Sprache erlaubt dem Individuum zu unterscheiden. Es kann angeben, ob ein bestimmtes Verhalten wünschenswert ist oder nicht, und wie sehr. Diese normative Grammatik erlaubt dem Individuum, über sein eigenes Verhalten zu entscheiden. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass menschliches Handeln ständig von solch einem ausdrücklichen Entscheidungsprozess geleitet sei[23]. Aber das Individuum braucht die Fähigkeit zur überlegten Entscheidung, wenn es mit neuen Konflikten konfrontiert ist oder wenn sein Gegenüber die hergebrachte Lösung in Frage stellt. Das Individuum ist kein Robinson Crusoe und seine Umgebung besteht nicht nur aus der Natur, sondern auch aus anderen Individuen. Diese Individuen handeln frei und sie reagieren auf die Worte und auf die Taten des ersten Individuums. Wenn das Individuum auf andere Individuen reagiert, hilft ihm die normative Grammatik seiner persönlichen Werte, Hypothesen darüber zu bilden, was das Verhalten der anderen Individuen bedeuten könnte. Diese Grammatik hilft ihm außerdem vorherzusagen, wie andere Individuen wohl reagieren werden, wenn sich das erste Individuum für eine bestimmte Handlung entscheidet. Auf beide Art dienen Werte dem Individuum also als ein kognitives Werkzeug. Schließlich braucht das Individuum Werte zur Selbst-Bewertung. Der Mensch lebt von seinem Selbstwertgefühl. Dieses Gefühl muss er sich verdienen, indem er etwas erreicht. Die persönlichen Werte sagen dem Individuum, welche Handlungen oder Erfolge geeignet sind, ihm Selbstwert zu verdienen. Man kann sogar noch weiter gehen. Nur mit Hilfe von Werten kann das Individuum überhaupt ein Selbstbewusstsein entwickeln. Denn Bewusstsein setzt die Fähigkeit voraus, sich selbst zu beobachten. Werte sind ein geniales Instrument, um sich zu beobachten, ohne dabei ein Dritter zu sein. Indem es bestimmte Werte wählt, bindet sich das Individuum selbst für die Zukunft. Dadurch gewinnt es die Fähigkeit, sich selbst mit dem früheren Entwurf zu vergleichen[24]. 3. Funktion für die Gesellschaft Nur im Gedankenexperiment können wir Individuum und Gesellschaft unterscheiden. In der Wirklichkeit ist das Individuum immer in eine zuvor bestehende Gesellschaft hinein geboren. Es kann diese Gesellschaft später verlassen, und eine andere Gesellschaft kann es als Mitglied aufnehmen. Doch das Individuum kommt in seiner neuen sozialen Umgebung mit einem Satz von Werten an, der zumindest teilweise von seiner Herkunftsgesellschaft geprägt ist. Aus analytischer Sicht macht es trotzdem Sinn, zwischen der Funktion von Werten für das Individuum und für die Gesellschaft zu unterscheiden. Noch in einer zweiten Hinsicht ist Vorsicht angezeigt. Wo ein Staat endet, kann man genau sagen, selbst wenn dort in modernen Zeiten vielleicht kein Zollhäuschen mehr steht. Die Grenze einer Gesellschaft zu bestimmen, ist weit schwieriger. Gesellschaft beginnt bereits, wenn zwei Individuen ein einziges Mal zu einem genau bestimmten Zweck zusammentreffen. So liegt es bei einem Verkehrsgeschäft zwischen Fremden. Die gesellschaftliche Beziehung zwischen zwei Geschäftspartnern ist schon enger. Vielleicht sind sie auch Mitglieder einer wohl definierten sozialen Gruppe, etwa einer Profession. Oder vielleicht verstehen sie sich als Teil eines loseren Netzes, etwa der Gemeinschaft der Arbeitnehmer. Das einzige Bindeglied kann auch territorial sein, wie etwa bei den Einwohnern einer Region. Oder das soziale Band ist nicht mehr als das faktische Äquivalent einer Rechtsbeziehung, wie zwischen den Angehörigen eines Staats. Aus diesen Überlegungen ergibt sich, dass man die Funktion von Werten für Individuen auch sozial interpretieren kann. Diese Interpretation legt Wert darauf, dass die Wahrnehmung der Wirklichkeit sozial konstruiert ist, dass die individuellen Werte also gesellschaftlich vorgeformt sind[25]. Manch ein Philosoph ist nicht so zaghaft. Er verbindet Werte kategorisch mit Gesellschaft. Die normative Folge dieser Überzeugung haben wir bereits erwähnt: nur wer sich selbst als Mitglied einer normativ geprägten Gesellschaft definiert, wird vom Individuum zur Person. Nur als Person kann er überhaupt Selbstbewusstsein haben. Nur in seiner Personalität unterscheidet sich der Mensch vom Tier[26]. Werte erfüllen für die Gesellschaft gleich drei Funktionen. Sie vermitteln Information, sie erleichtern Koordination und sie geben der Gesellschaft ihre Identität. Gesellschaft ist zunächst und vor allem Informationsgemeinschaft. Gerade weil sie Werte teilen, können die Mitglieder einer Gesellschaft das Verhalten der übrigen Mitglieder deuten. Das ist besonders wichtig, wenn ein Individuum ein anderes über sein künftiges Verhalten informieren will. Je stärker dieses Ver- <123> halten in einem gemeinsamen Wert verankert ist, desto glaubwürdiger ist diese Aussage. Die letzte Beobachtung schlägt bereits eine Brücke zwischen Information und Koordination von Verhalten. Man kann es auch so sagen: geteilte Werte machen es leichter, glaubwürdige Versprechen abzugeben. Die Spieltheorie lässt eine zweite Koordinationsfunktion sichtbar werden. Sie macht deutlich, dass Versuche der Verhaltenskoordination in einer Welt ohne Werte oft in Aporien führen würden. Wenn sie nicht miteinander sprechen können, können vereinzelte Individuen auch keine vernünftige Prognose darüber abgeben, wie sich ihre Interaktionspartner verhalten werden. Und selbst wenn sie miteinander sprechen dürfen, können sie oft nicht vorhersagen, ob ihr Partner seine Versprechen später auch halten wird. Beide sozialen Dilemmata werden überwunden, wenn jedes Individuum weiß, dass das andere demselben Wertsystem anhängt[27]. Dieselbe Überlegung passt auch dann, wenn das Koordinationsproblem einen quantitativen Charakter hat. Geteilte Werte wirken wie ein Maßstab, auf den sich alle Mitglieder der Gruppe geeinigt haben. Deshalb ist die Erwartung berechtigt, dass alle Mitglieder Verhalten mehr oder weniger in derselben Weise beurteilen werden wie die übrigen. Für all diese Funktionen genügt es nicht, dass man einen geeigneten Wert entwerfen könnte. Alle Mitglieder der Gruppe müssen ihn teilen. Es genügt auch nicht, dass das Informations- und Koordinationsproblem gelöst würde, wenn ein bestimmtes Individuum der Gruppe angehören würde. Vielmehr muss das erste Individuum wissen, ob das zweite auch wirklich ein Mitglied ist. Beide Beobachtungen machen deutlich, warum Identität für eine Gruppe von solcher Bedeutung ist. Nun ist zugleich aber auch die ostentative Zustimmung zu und die Verteidigung von gemeinsamen Werten das machtvollste Mittel, um einer Gruppe eine Identität zu geben. Das Phänomen ist also reziprok. Die Funktion der Gesellschaft ist es, den Individuen zu helfen, indem sie Werte garantiert. Die Funktion genau dieser Werte ist zugleich aber auch, die Gesellschaft zu stabilisieren. Der Staat unterscheidet sich von der Gesellschaft durch seine rechtliche Verfasstheit. Der Staat ist was er ist, weil es die Verfassung so sagt. Nimmt man diese Aussage zu wörtlich, führt sie allerdings in einen positivistischen Albtraum. Das eine Extrem ist eine vollständig fiktive Einheit, das andere Extrem der princeps legibus absolutus von Thomas Hobbes. Beide Extreme brauchen keine Werte. Aber der erste Staat ist für die Lösung von Problemen der wirklichen Welt vollständig nutzlos. Der zweite ist eine Diktatur ohne Legitimität. Die Staaten der wirklichen Welt liegen zwischen beiden Extremen. Sie stehen mit der Welt der Individuen in Verbindung, die ihnen angehören. Ebenso sind sie mit der Gesellschaft verbunden. Beide Verbindungen werden durch geteilte Werte gestiftet. Diese Werte dienen drei Zwecken. Die Bereitschaft, Rechtsnormen zu befolgen, nur weil sie gelten, ist eine äußerst knappe Resource. Der Gesetzgeber kann auf viel mehr Erfolg hoffen, wenn das Gesetz in den Werten gründet, denen seine Adressaten anhängen. Spiegelbildlich gibt staatliches Handeln dem Staat Legitimität, wenn es den Werten dient, die die Bevölkerung teilt. Schließlich sind auch für den Staat geteilte und verteidigte Werte ein wichtiges Instrument zum Aufbau einer nationalen Identität. Um der Klarheit der Gedankenführung willen haben die bisherigen Überlegungen stillschweigend die Unveränderlichkeit der Verhältnisse unterstellt. In Wahrheit ist die individuelle, gesellschaftliche und staatliche Wirklichkeit natürlich nicht statisch. In dynamischer Perspektive sind Individuum, Gesellschaft und Staat nicht mehr vollständig symmetrisch. Ihr individuelles Leben hat einen genau bestimmten Beginn und ein ebenso genau bestimmtes Ende. Kein Individuum wird mit einem Satz von Werten geboren. Es muss sie lernen. Beginn und Ende eines Staats können ebenso klar bestimmt sein. Ein neuer Staat wird durch Sezession, Vereinigung oder verfassungsrechtliche Revolution geschaffen. Auf die gleiche Weise kann ein alter Staat auch untergehen. Beides gilt allerdings nur von einem positivistischen Standpunkt aus, den Staaten wie etwa das Vereinigte Königreich nicht teilen. Es hat bis heute noch keine geschriebene Verfassung und die britischen Gerichte zögern nicht, auf Fallrecht und auf Gesetze aus dem Mittelalter zurückzugreifen. Der Anfang und das Ende einer Gesellschaft oder einer sozialen Gruppe sind noch weniger bestimmt. Weil Gesellschaften und Staaten so beständig sind, wird der lokale Bestand an Werten für gewöhnlich nicht von Grund auf neu geschaffen. Er entwickelt sich über die Zeit fort, angestoßen von Ereignissen in der Außenwelt, von einer veränderten Zusammensetzung der Bevölkerung oder von neuen Ideen. Das ist nicht nur eine zutreffendere Beschreibung der Wirklichkeit, sondern auch theoretisch überzeugend, sobald man den Gedanken der Modernität akzeptiert. Modernität meint dabei, dass die vorherrschenden Werten nicht logisch von einem unhinterfragten, universellen Bestand letzter Werte abgeleitet werden können. 6. Funktion für die Lösung künftiger Probleme Die evolutorische Sicht führt nicht nur zu einem angemesseneren Verständnis der Funktion von Werten für das Individuum, die Gesellschaft und den Staat. Sie fördert auch eine vierte Funktion von Werten zu Tage. Werte helfen nicht nur, die gegenwärtigen individuellen und sozialen Probleme zu lösen. Sie sind auch ein Speicher für die Lösung künftiger, noch unbekannter Probleme. Eine Parallele zur physischen Welt ist erhellend. Dort wird der Schutz der Biodiversität als normatives Anliegen nicht mehr länger ernstlich bestritten. Der Artenreichtum überall in der Welt ist der genetische Pool, aus dem die Natur schöpfen kann. Durch Variation und Selektion kann sie so das Leben auf diesem Planeten an veränderte Bedingungen anpassen, und sie kann es verbessern. Anthropologen ziehen seit langem eine Parallele zwischen Genen und Memen. Unter Memen verstehen sie die Entwicklungsfähigkeit einer gegebenen Kultur[28]. Die Parallele macht deutlich, dass kulturelle Diversität und die Erhaltung randständiger Kulturen mehr ist als der nostalgische Schutz eines lebenden Museums[29]. IV. Der lokale Charakter von Werten Manche Werte sind beinahe universell. Man wird so schnell niemanden finden, der sich öffentlich für Kinderpornografie ausspricht. Andere Werte gelten zwar nicht in der ganzen Welt, aber doch in großen Teilen. Der Okzident ist solch eine Wertgemeinschaft, für die etwa die Menschenrechte prägend ist. Andere Werte sind mit Sprachfamilien verbunden. Ein beinahe schon verwunderliches Beispiel ist der englische Ausdruck „reasonable“. Es gibt keine wirklich treffende Übersetzung ins Deutsche. Deshalb erstaunt vielleicht auch nicht, dass die Deutschen „reasonableness“ weniger schätzen als etwa die Engländer. Manche Werte überschreiten also Staatsgrenzen, viele tun es aber nicht. Das sollte den Wissenschaftler aber nicht dazu verführen, lokale Werte mit den Werten gleichzusetzen, die einer bestimmten Rechtsordnung zugrunde liegen. Natürlich nützt es dem Staat, wenn er sich auf die im Volk herrschenden Werte stützen kann. In demokratischen Ländern wie der USA oder Deutschland sieht es der Staat <124> normalerweise aber nicht als seine Aufgabe an, die Werte der Bürger zu formen. Viele Juristen gehen sogar noch weiter. Sie sind überzeugt, dass der Staat von den Bürgern nur verlangen darf, die Gesetze zu befolgen, nicht auch zu glauben, dass sie moralisch bindend sind. Konsequent darf das Strafrecht die herrschenden Werte dann nur insofern schützen, als ihre Verletzung zu sozial schädlichen Wirkungen führt. Handeln ist strafbar, nicht die Einstellung. Denn wenn der Staat die Grenze zwischen rechtlicher und moralischer Verpflichtung überschreitet, riskiert er, totalitär zu werden[30]. Nur die Verbindung zur Gesellschaft, nicht die Verbindung zum Staat kann Werte deshalb zu lokalen machen. Während der letzten hundert Jahre hatte diese Unterscheidung nur geringe praktische Bedeutung. In der Ära der Nationalstaaten war die territoriale Reichweite von Staat und Gesellschaft mehr oder minder deckungsgleich. Ob Kultur und Staat in der Zukunft weiterhin so eng verbunden sein werden, ist aber eine offene Frage. Auch eine weitere ererbte Gleichung verliert ihre Selbstverständlichkeit, die zwischen einer Volkswirtschaft und einem Nationalstaat. Deshalb fragen viele, ob die Globalisierung der Märkte die kulturellen Grenzen unangetastet lassen wird[31]. Geht man weiter in der Geschichte zurück, war Kultur meist nicht mit einem Territorium verbunden, sondern mit ethnischen Gruppen. Das gibt es auch heute noch. Das deutlichste Beispiel sind die Juden. Es erscheint deshalb angemessener, die Lokalität von Werten als ihre Verbindung zu einer spezifischen Kultur zu beschreiben[32]. Schließlich gelten nicht alle Werte im ganzen Land. Regionale Besonderheiten sind oft recht stabil. Auch diese Beobachtung legt nahe, Lokalität kulturell zu deuten. Es ergibt sich dann aus der Verbindung zur jeweiligen Regionalkultur. Noch in einer weiteren Hinsicht bedarf das Konzept der Lokalität von Werten der Präzisierung. Man könnte darauf abstellen, dass der Wert lokal gelebt wird. Man könnte aber auch genügen lassen, dass er lokal verankert ist. Die zweite Deutung ist angemessener. Denn jeder Wert wird auch verletzt. Vor allem erleichtert die zweite Deutung aber die analytische Aufgabe. Denn die Verankerung der Werte ist das Werk von Institutionen, seien sie formell oder informell. Institutionen sind leichter zu erkennen als eine bloße Übung oder Überzeugung. Vor allem können Institutionen aber einer gesellschaftlichen oder rechtlichen Einheit leichter zugerechnet werden. Dadurch wird es möglich festzustellen, wie weit ein Wert reicht. Man kann Lokalität auch dann noch finden, wenn zwei gesellschaftliche Einheiten Institutionen geschaffen haben, die ein und denselben materiellen Wert schützen. Auf den ersten Blick mag die letzte Einsicht eher als Nachteil erscheinen, nicht als Vorzug. Doch sie öffnet den Blick für eine weitere bedeutsame Unterscheidung. Soll Lokalität als eine Eigenschaft einzelner Werte verstanden werden? Oder sollte sie besser auf ganze Wertesysteme Bezug nehmen? Das zweite ist vorzuziehen, jedenfalls für moderne Gesellschaften. Sobald man nämlich die Idee einer hierarchischen Werteordnung aufgegeben hat, gibt es keine trennscharfe, kohärente Werteordnung mehr. Das heißt natürlich nicht, dass moderne Gesellschaften irgend welche historisch beliebigen Werte schützen würden. Aber moderne Gesellschaften unterscheiden sich weniger durch die Entscheidung für oder gegen bestimmte Werte und mehr durch die unterschiedliche Zusammensetzung und Balance widerstreitender oder unvereinbarer Werte. Um es an einem uns Deutschen vertrauten Beispiel zu sagen: man schätzt in Preußen Verlässlichkeit und Pflichtbewusstsein höher als Empfindsamkeit. Oder vielleicht sogar: man gesteht in Preußen Empfindsamkeit nur den jungen Damen zu, nicht aber den Amtswaltern. Individuum, Gesellschaft und Staat können nicht ohne Werte auskommen. Das heißt aber nicht, dass Werte so stark als möglich geschützt sein sollten. Zu viele Werte, die falschen Werte, oder eine unangemessene Balance von Werten kann sogar schädlich sein. Selbst wenn der jeweilige Satz an Werten in der Vergangenheit richtig war, kann es doch falsch sein, ihn zu bewahren, weil sich die soziale Umgebung geändert hat. Schließlich sollte die Verbindung zwischen Werten und Institutionen zum Nachdenken Anlass geben. Institutionen werden geschaffen, um soziale Dilemmata zu bewältigen. Aber es gibt beinahe stets mehr als eine Institution, die dazu in der Lage ist. Für die Wahl geben normalerweise nicht nur die erwartete Wirksamkeit oder die Steuerungskosten den Ausschlag. Auch Verteilungsgesichtspunkte spielen eine Rolle. Verteilungsgewinne sind viel stabiler, wenn sie die unvermeidliche Nebenwirkung einer Institution zur Bewältigung eines sozialen Dilemmas sind[33]. Die Legitimität von Werten hängt von der Funktion ab, die sie erfüllen sollen. Für das Familienleben oder das Verhalten gegenüber alten Freunden braucht man andere Werte, als wenn man bei einer elektronischen Buchhandlung eine Bestellung aufgibt[34]. Zentral ist die Unterscheidung zwischen formellen und materiellen Werten. Der archetypische formelle Wert ist Toleranz. Er lässt ganz bewusst offen, welchen materiellen Werten eine andere Person anhängt, und fordert Respekt für diese Entscheidung. Andere formale Werte sind etwa die moralische Pflicht, seine Versprechen zu halten, den korrekt zustande gekommenen Gesetzen zu gehorchen oder seine Steuern zu bezahlen. Mit formalen Werten allein käme das Individuum nicht zurecht. Um über sein eigenes Verhalten zu entscheiden, braucht es materielle Werte. Es braucht sie auch, um die Welt zu verstehen, die es umgibt. Das heißt aber nicht, dass ein Individuum ohne formelle Werte auskommen könnte und sollte, wenn es ein leidlich stimmiges Leben führen will. Wer sich gegen ein Mandat des Staats zur Erziehung der Bürger ausspricht, hat damit auch verlangt, dass der Staat auf formelle Werte beschränkt sein soll. Am schwierigsten fällt die Entscheidung bei der Gesellschaft. Manche glauben, dass auch die Gesellschaft ohne materielle Werte auskommen sollte. Aber nach einem Anschauungsbeispiel in der Wirklichkeit wird man vergeblich suchen. Es ist schwer vorstellbar, wie eine Gesellschaft zusammengehalten werden sollte, die nicht wenigstens ein paar geteilte materielle Werte besitzt[35]. Die Entscheidung fällt leichter, wenn man nicht mehr auf die einzelnen Werte blickt, sondern auf die jeweilige lokale Wertbalance. Solch ein lokaler Satz an Werten ist, wie gesagt, mehr als die bloße Aneinanderreihung einzelner Werte, aber weniger als eine strikte, hierarchisch strukturierte Werteordnung. Bildhaft könnte man von einem Netz von Werten sprechen. Einige Knoten sind für das gesamte Netz wichtiger als andere. Einige mag man schon dann aufknüpfen oder lockern, wenn man dafür isoliert einen plausiblen Grund hat. Andere waren mit Bedacht besonders fest geknüpft. Man würde sie erst antasten, wenn ein erheblicher Teil der Gesellschaft über einen längeren Zeitraum an ihnen gerüttelt hat. Das Bild von einem Netz von Werten hilft auch, einen weiteren Zusammenhang zu verstehen. Das einzelne Individuum ist nicht nur ein Mitglied der Gesamtgesellschaft. Es gehört auch kleineren sozialen Gruppen an. Je kohärenter diese Gruppen sind, desto fester sind sie durch materielle Werte miteinander verbunden. Sie bilden epistemische Gemeinschaften[36]. Die Gesellschaft muss darauf bedacht sein, nicht in solche epistemische Gemeinschaften zu zerfallen. Die starken <125> materiellen Gruppenwerte müssen deshalb von ebenso starken formellen Werten der gesamten Gesellschaft in der Balance gehalten werden. Das ist keine leichte Aufgabe für die Institutionen, die diese formellen Werte tragen. VI. Der Einfluss globaler Netze auf Werte An sich sind wir nun bereit, an die eigentliche Aufgabe zu gehen: welche Wirkung haben globale Netze auf lokale Werte? Bevor wir an die Arbeit gehen, müssen wir aber noch einmal innehalten und zur Bescheidenheit mahnen. Wir werden nicht zu der Aussage gelangen können, dass eine wohl definierte Ursache einen präzise benennbaren Effekt auf einen genau abgegrenzten Gegenstand hat. Denn alle drei Elemente sind dynamisch und unsicher. Außerdem ist die Liste der Elemente notwendig unvollständig. Globale Netze sind ein instabiler gedanklicher Ausgangspunkt. Die Standardisierungstiefe globaler Netze ist bewusst so niedrig wie möglich gehalten. Das Internet ist nicht ein hierarchisch organisiertes Netz, sondern eher ein Netz der Netze. Es ist offen für die Zusammenschaltung mit weiteren Netzen. Zugleich ist es offen für qualitativen Wandel. Noch unsicherer ist die quantitative Seite, also die Geschwindigkeit der Marktsättigung. Unklar ist auch, in welchem Ausmaß die traditionelle egalitäre Kultur des Internet der Kommerzialisierung des Netzes widerstehen wird. Schließlich kann man kaum vorhersagen, in welchem Ausmaß das Internet in sprachliche oder kulturelle Zonen aufgespalten wird. Globale Netze sind nicht die einzige Herausforderung für lokale Werte. Eine ältere, nicht weniger machtvolle Herausforderung geht von den traditionellen elektronischen Medien aus. Migration und Tourismus bringen Menschen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammen. Selbst der internationale Warenhandel ist nicht immer wertneutral. Wie die Waren ausgestaltet und vermarktet werden, ist von der Kultur am Herkunftsort beeinflusst. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass lokale Werte dem Wandel unterworfen sind. Das gilt erst recht für die spezifische lokale Balance von miteinander unvereinbaren Werten. Schließlich ist der Einfluss globaler Netze auf lokale Werte kein kausaler. Technik determiniert die gesellschaftliche Entwicklung nicht. Allenfalls schließt sie traditionelle Wege für die Entwicklung lokaler Werte und öffnet stattdessen neue Wege. Häufiger ist der Einfluss der Technik noch bescheidener. Sie verändert die relativen Kosten und den relativen Nutzen für bestimmte Entwicklungspfade. Außerdem ist das Verhältnis zwischen globalen Netzen und lokalen Werten nicht einseitig. Globale Netze haben nicht nur das Potenzial, die Entwicklung lokaler Werte zu beeinflussen. Der Einfluss kann auch die umgekehrte Richtung annehmen. Lokale Werte können die Entwicklung globaler Netze verändern. Ein offensichtliches Beispiel ist die Forderung, Internetportale so auszugestalten, dass sie zwischen dem Herkunftsort der Nutzer unterscheiden. Wenn diese Forderung erfüllt würde, wären die globalen Netze künstlich renationalisiert. Der Zugang zu fremden lokalen Werten wäre viel schwieriger, wenn nicht gar unmöglich. Die folgende Darstellung ist deshalb nicht mehr als ein Schnitt durch ein komplexeres Beziehungsgeflecht. Es präpariert heraus, wann globale Netze der Grund und Änderungen im Satz lokaler Werte die Folge sind. Der Inhalt globaler Netze ist notwendig kein Abbild irgendeines lokalen Satzes an Werten (2). Wenn Individuen mit dieser anderen Darstellung von Werten in Berührung kommen, kann das Folgen für ihre persönlichen Werthaltungen haben. Es kann sich auch auf die Zusammensetzung der Wertbalance auswirken, die bislang in ihrer lokalen Gesellschaft oder ihrem Heimatstaat prägend war (3). Wie intensiv diese Wirkung ist, hängt von der Art ab, mit der die Individuen in Berührung mit fremden Werten kommen (4). 2. Die Darstellung von Werten in globalen Netzen Globale Netze schaffen keine neue Gesellschaft und erst recht keinen neuen Staat. Allenfalls lassen sie neue, transnationale gesellschaftliche Gruppen entstehen. Für gewöhnlich sind sie nur ein zusätzlicher Kommunikationsweg für Personen, die Mitglieder gesellschaftlicher Gruppen aus der realen Welt bleiben. Gelegentlich erleichtern globale Netze allerdings die Entscheidung, die Herkunftsgesellschaft oder den Heimatstaat zu verlassen und Mitglied einer neuen Gruppe, einer anderen Gesellschaft oder eines anderen Staats zu werden. Die typische Folge ist aber eine andere. Es fragt sich nur, ob die regelmäßige Berührung mit globalen Netzen die Beziehung zwischen dem Mitglied und seiner Gruppe oder seinem Staat ändert. Genauer: hat die Nutzung globaler Netze die Kraft, die individuelle Wertbalance so zu verändern, dass sie stärker zu den in Gesellschaft und Staat herrschenden Werten im Widerspruch steht als zuvor[37]? Um diese Frage beantworten zu können, muss man die Pfade verstehen, auf denen globale Netze die lokale Wertbalance beeinflussen können. Vier Möglichkeiten kommen in Betracht: globale Netze können globalisieren, pluralisieren, vereinheitlichen und dekontextualisieren. Dass globale Netze globalisieren können, klingt nach einer Binsenwahrheit. Doch der Begriff Globalisierung ist alles andere als trennscharf. Noch weniger ist offensichtlich, was er bei Werthaltungen bedeutet. Betrachtet man die Werte eines Individuums, macht die Rede von der Globalisierung wenig Sinn. Sie passt schon eher für die Wertbalance einer Gesellschaft oder eines Staats. Globalisierung ist dann ein anderer Begriff für das, was die Ökonomen Systemwettbewerb nennen[38]. Die Globalisierung gibt den Mitgliedern von Gesellschaft oder Staat neue Möglichkeiten zur Abwanderung[39]. In einer globalisierten Wirtschaft sind Konsumenten und Produzenten nicht mehr in ihrer Volkswirtschaft gefangen. Sind die Preise im Ausland höher, verkaufen die Produzenten dort. Sind die örtlichen Produkte zu teuer oder entsprechen sie nicht ihren Wünschen, kaufen die Konsumenten ausländische Produkte. Die gleiche Logik erklärt Investitionen im Ausland, aber auch Migration. Sie erscheint in dieser Perspektive als das Angebot von Humankapital in einem Markt, in dem es höhere Erträge erbringt. Je offener eine Volkswirtschaft ist, desto stärker der Wettbewerbsdruck auf die lokalen Institutionen. Und je glaubhafter die Abwanderungsdrohung ist, desto aufmerksamer wird die Stimme eines Akteurs von denen gehört werden, die die lokalen Institutionen gestalten. Unter geeigneten Umständen können diese Überlegungen auch auf lokale Werte übertragen werden. Vorausgesetzt ist, dass ein Individuum globale Netze nutzen kann, um von den Institutionen abzuwandern, die die lokalen Werte schützen. So liegt es natürlich, wenn globale Netze das Individuum instand setzen, seine soziale Gruppe vollständig zu verlassen. Es genügt aber auch, wenn globale Netze dem Individuum erlauben, sein Handeln in geeigneter Weise aufzuspalten. Dann kann es ihm gelingen, den Institutionen zum Schutz der lokalen Werte gerade und dort auszuweichen, wo sie ihn treffen. <126> Sehr viel häufiger ist jedoch eine andere Wirkung globaler Netze. Man kann sie als Pluralisierung oder Modernisierung beschreiben[40]. Über globale Netze kommen die Individuen leicht und häufig mit vollständig unbekannten fremden Werten in Berührung. Noch häufiger finden sie sich einer anderer Balance bekannter Werte gegenüber. Globale Netze konfrontieren das Individuum also mit der Erfahrung, dass Wertesysteme fundamental relativ sind und dass sie in einer pluralistischen Welt leben. Gar nicht so selten haben globale Netze umgekehrt auch eine stärkere Vereinheitlichung von Werthaltungen zur Folge. Wer diese Wirkung erwartet, hebt vor allem auf den Ursprung der globalen Netze im allgemeinen und des Internet im besonderen in den Vereinigten Staaten ab. Noch heute findet zwei Drittel des Internet-Verkehrs zwischen amerikanischen Nutzern statt. Diese Geschichte erklärt, warum die meisten globalen Netze von amerikanischen Werten durchtränkt sind. Das Englische dominiert. Die meisten Anbieter von Inhalten richten sich am amerikanischen politischen Klima aus. Die traditionelle und nach wie vor vitale egalitäre Kultur des Internet ist aus amerikanischen Wertvorstellungen gespeist. Manche Beobachter fügen diese Elemente zu einem Bild der kulturellen amerikanischen Hegemonie zusammen[41]. Der letzte Effekt ist vermutlich der wichtigste. Globale Netze dekontextualisieren[42]. Auch die Nutzung globaler Netze ist zwar eine Form der sozialen Interaktion. Aber diese Interaktion ist so sehr von sozialem Kontext entkleidet wie nichts zuvor in der Welt. Die typische Nutzung globaler Netze ist der Abruf von Information. Daher gibt es keinerlei direkten sozialen Kontakt mehr zu dem Anbieter der Inhalte. Allenfalls zählt er noch, wie oft ein Inhalt abgerufen worden ist. Aber da das Surfen im Internet so leicht und billig ist, sagen auch ein paar hundert Nutzungen innerhalb weniger Tage noch nicht viel über die soziale Wirkung des Inhalts. In Mailinglists, Newsgroups und Chatrooms gibt es zwar die Möglichkeit zur Antwort. Geantwortet wird aber schriftlich. Nur in Chatrooms geschieht das auch zeitgleich. Der soziale Austausch im Internet ist der Beobachtung durch Dritte fast vollständig entzogen. Wem das noch nicht genügt, der kann den Internetverkehr überdies verschlüsseln. Wenn er ein Pseudonym benutzt, bleibt auch seine Identität im Dunkeln. Bedient er sich eines Remailers, ist die Anonymität fast vollständig. Aber selbst, wenn man keine dieser Schutzvorrichtungen einsetzt, macht die schiere Menge der Nachrichten es sehr schwer, die Nutzung des Netzes zu beobachten oder gar zu kontrollieren[43]. All das ist bedeutsam, weil lokale Werte nicht in Erz gegossen sind. Sie sind nur von formellen und informellen Institutionen geschützt. Institutionen sind meist durch Sanktionsmechanismen gesichert. Die Anwendung dieser Sanktionen wird schwierig, wenn die Übertretung in globalen Netzen geschieht. Selbst dann, wenn die lokalen Werte bis in das Gewissen der Individuen vorgedrungen sind, kann das Internet sie gefährden. Denn psychologische Untersuchungen zeigen, dass der soziale Kontext erheblichen Einfluss auf die Intensität hat, mit der die Individuen ihre Wertorientierungen aktualisieren. Wenn sich Personen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, ist die Wirkung am stärksten. Je stärker der Handelnde von denen getrennt ist, die der Wert schützen wollte, um so stärker ist zu erwarten, dass er einfach seinen eigenen kurzfristigen Vorteil sucht[44]. 3. Mögliche Auswirkungen auf lokale Werte. Die öffentliche Diskussion ist ganz im Bann der Vorstellung, lokale Werte könnten unter dem Einfluss globaler Netze erodieren. Die gerade entwickelten Unterscheidungen helfen abzuschätzen, wie ernst diese Gefahr zu nehmen ist. Die rechtlichen und sozialen Institutionen zum Schutz der lokalen Wertbalance kommen nur dort unter Wettbewerbsdruck, wo globale Netze einen globalisierenden Effekt haben. Ein gewisser Druck geht auch vom pluralisierendem Effekt globaler Netze aus. Wenn ein einflussreicher Teil der Bevölkerung nicht mehr hinter der traditionellen Wertbalance steht, kann das einen politischen Prozess auslösen, der zum Institutionenwandel führt. Dieselbe Wirkung kann eintreten, wenn der Zugang zu globalen Netzen machtvolle Gruppen davon überzeugt, dass traditionelle lokale Werte gegen die hegemonialen Werte ausgetauscht werden sollten, die im Internet vorherrschen. Viel wahrscheinlicher als eine Erosion der Institutionen ist aber eine Erosion der individuellen Werthaltungen. Dazu trägt zwar der globalisierende Effekt globaler Netze nicht bei, wohl aber der pluralisierende, der vereinheitlichende und vor allem der dekontextualisierende Effekt. Zwei verschiedene Wirkungen können eintreten. Im ersten Fall verliert allein die ursprüngliche Wertorientierung an Festigkeit. Das Individuum beginnt, an der Legitimität eines Wertes zu zweifeln. Wenn der Wert von ihm ein Verhalten verlangt, das im klaren Widerspruch zu seinem persönlichen Interesse steht, ändert sich vielleicht bald danach auch das Verhalten. Aber Verhalten ist, psychologisch gesprochen, nur lose mit Einstellungen verknüpft[45]. Solange sich das Individuum beobachtet fühlt, zeigt es deshalb vielleicht nach wie vor das Verhalten, das dem Wert entspricht. Ist es unbeobachtet, mag es dagegen abweichendes Verhalten ausprobieren. Die zweite mögliche Wirkung ist stärker. Auch sie lässt sich am besten in psychologischer Sprache beschreiben. Die Wertorientierungen eines Individuums sind die Folge eines Lernprozesses. Kommt das Individuum durch die globalen Netze in Berührung mit alternativen Wertsystemen, kann das einen neuen Lernprozess auslösen. Am Ende eines solchen Lernprozesses ist der ursprüngliche Wert oder die ursprüngliche Balance vollständig aus dem individuellen Wertsystem getilgt[46]. Der Unterschied zwischen den beiden Wirkungspfaden liegt also in der Wahrscheinlichkeit, dass die Einstellungsänderung von Dauer ist. Im ersten Fall ist es relativ einfach, die ursprüngliche Wertorientierung wieder zu bekräftigen, sobald die Erosion sozial auffällig wird. Im zweiten Fall muss die Gesellschaft dagegen nicht nur den ursprünglichen Lernprozess wiederholen. Vielmehr muss sie zunächst den neu erworbenen Wert durch einen eigenen Lernprozess zerstören. Globale Netze können die gerade beschriebenen Wirkungen haben. Sie können ganz im Gegenteil aber auch dazu beitragen, zusätzliche Werte aufzubauen und die ursprünglichen zu stärken. Das ist offensichtlich, wenn die globalen Netze räumlich versprengt lebenden Gruppen erlauben, ihre sozialen Bindungen zu erhalten[47]. Gemeinschaft ohne räumliche Nähe wird zu einer realistischen Option[48]. Auch sind globale Netze nicht bloß Pluralisierer und Dekontextualisierer. Vielmehr geben sie den Menschen zugleich auch neue Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und an politischen Entscheidungsprozessen. Die traditionelle Internetkultur hängt nicht nur materiell egalitären Werten an, sie ist mindestens genauso <127> auch eine Kultur der Partizipation[49]. Noch nie war es so leicht, Interessenkoalitionen zu bilden. Auch machen es die globalen Netze für den gewöhnlichen Bürger leichter als je zuvor, Regierungsdokumente einzusehen. All das stärkt auch das Verantwortungsgefühl der einzelnen. Man sollte die Wirkungen globaler Netze nicht auf die Formel verkürzen: Erosion oder Verstärkung lokaler Werte. Genauso kann es auch zu einem Austausch alter gegen neue Werte kommen oder zu einer neuen Balance zwischen verschiedenen Werten. Diese Folgen sind zwar weniger wahrscheinlich. Denn dabei ist ja der gerade beschriebene doppelte Lernprozess vorausgesetzt. Die politische Aufmerksamkeit sollte sich aber gerade auf diese Möglichkeit richten. Wenn sie als eine Entwicklungschance hin zu angemesseneren Werten genutzt wird, ist das positiv zu bewerten. Aber es gibt auch eine weniger erfreuliche Möglichkeit. In den USA wie in Deutschland haben Gesellschaft und Staat im Laufe ihrer Geschichte immer besser gelernt, Koexistenz und Kooperation mit einem schmalen Satz materieller und einem hochentwickelten Satz formeller Werte zu organisieren. Soziologen beschreiben diesen Zustand manchmal auch mit einem anderen Begriffspaar. Sie weisen darauf hin, dass traditionelle Gesellschaften auf starken Bindungen zwischen ihren Mitgliedern beruhen. Moderne Gesellschaften erreichen den Zusammenhalt einer großen Zahl von Personen dagegen mit Bindungen, die mit Bedacht schwach sind, nicht stark[50]. In einer modernen Gesellschaft erwartet man von einem zufälligen Geschäftspartner nicht, dass er einspringt, wenn die Familie in Not gerät. Es genügt, wenn er seine Rechnungen bezahlt. Moderne Gesellschaften beschränken starke Bindungen auf eine ganz kleine Zahl von Personen: die Kernfamilie, die engsten Freude, manchmal auch die engsten Arbeitskollegen. Globale Netze konfrontieren die Individuen mit der Relativität von Wertesystemen. Über kurz oder lang wird jeder die Effekte der Dekontextualisierung erleben. Deshalb ist die Gefahr ernst zu nehmen, dass die Individuen das Heil in einer Flucht in die Einfachkeit suchen. Dann treten sie dafür ein, die sichtbar erodierten schwachen durch neue starke Bindungen zu ersetzen. Die Gefahr wird noch ernster, wenn man bedenkt, dass solch eine Entwicklung nur von Institutionen bewirkt werden könnte. Wir hatten schon darauf verwiesen, dass institutioneller Wandel typischerweise von dem Wunsch nach Verteilungseffekten getrieben ist. Politische Unternehmer könnten ihre Chance darin sehen, als Wertvakuum zu brandmarken, was in Wahrheit nicht mehr ist als ein Bewusstwerden der Eigenheiten einer modernen Gesellschaft. 4. Arten des Kontakts mit fremden Wertsystemen Der pluralisierende und der vereinheitlichende Effekt globaler Netze kann nur dann eintreten, wenn ein Individuum intensiv genug mit einer fremden Wertbalance in Berührung gekommen ist. Eigentlich sind globale Netze dafür keine sonderlich geeignete Umgebung. Denn typischerweise werden sie ja zum Abruf von Inhalten benutzt. Es kann zwar sein, dass der Nutzer bei dieser Gelegenheit auf wertbeladene Informationen stößt, nach denen er nicht gesucht hat. Er mag nicht wissen, was ihn erwartet, wenn er einem Link folgt. In einer Mailingslist oder einer Newsgroup mögen Mitteilungen verbreitet werden, die über den ursprünglichen Gegenstand hinausgehen. All das geschieht aber bestenfalls gelegentlich einmal, nicht systematisch. Außerdem ist der Internetnutzer kein passiver Rezipient. Wenn ihm nicht gefällt, was er sieht, hat er nicht bloß theoretisch die Möglichkeit sich abzuwenden, als aktiver Nutzer ist er regelmäßig auch darauf eingestellt. Technisch kann ein Anbieter zwar versuchen, Zugang zu ganz bestimmten Nutzern zu bekommen. Die zu Werbezwecken eingesetzten Pushup-Techniken haben in letzter Zeit erhebliches Interesse auf sich gezogen. Aber von hier ist es noch ein weiter Weg zur Verwandlung globaler Netze in Propagandamaschinen. Solange die Internetgemeinde aktiv bleibt, wäre mit ihrer wütenden und vermutlich auch machtvollen Abwehr zu rechnen. Was bleibt, ist die Konfrontation mit fremden Werten. In zwei Situationen ist sie besonders wirksam. Im ersten Fall war der traditionelle Wert ohnehin geschwächt. Wenn ein Individuum nun bei Benutzung globaler Netze auf andere Weltbilder stößt, mag es sie attraktiver finden. Dann wird das Internet zum Medium für einen bewussten Lernprozess. Globale Netze können dazu beitragen, dass aus dem individuellen ein sozialer Lernprozess wird. Diese Netze machen es leicht und billig, anschauliche Beispiele alternativer Lebensstile unter denen zu verbreiten, die auch schon zweifelnd geworden sind. Der zweite Prozess nutzt die Unaufmerksamkeit der Adressaten. Ein Individuum bemerkt gar nicht, dass es dabei ist, das Leben in einem alternativen Wertsystem zu erlernen. Erst nachdem der Lernprozess abgeschlossen ist, wird es gewahr, dass sein eigenes Wertsystem nun widersprüchlich geworden ist. Im einen Zusammenhang glaubt er noch an seine ursprünglichen Werte, im anderen an die gegenteiligen. Solches unbemerkte Lernen ist typisch, wenn Werte in scheinbar neutrale Kontexte eingebettet sind. Das typische Beispiel bei der Nutzung globaler Netze sind Güter und Dienstleistungen, die von einem fremden Wertsystem geprägt sind. Man sollte diese Möglichkeit zur Erosion traditioneller Werte aber nicht überzeichnen. Die traditionellen Medien tun dabei viel stärkere Wirkung. Sie verpacken die alternative Wertorientierung vielleicht in eine Seifenoper. Modernität bedeutet ohnehin, dass Wertesysteme mit Rollen verknüpft werden, nicht mit der individuellen Existenz. Selbst wenn das Individuum also nachträglich feststellt, dass es in einem anderen Wertsystem zu leben gelernt hat, heißt das noch nicht, dass das traditionelle Wertsystem dann zerstört wäre. Wahrscheinlicher ist, dass das Individuum nur wahrnimmt, wie modern es in Wirklichkeit ist. VII. Rechtspolitische Folgerungen In unseren modernen Zeiten beruht Recht weder auf göttlicher Stiftung noch auf praktische Übung seit unvordenklicher Zeit. Der Komplexität und Beweglichkeit der sozialen Verhältnisse kann das Recht nur entsprechen, indem es selbst beweglich wird. Aus diesem Grunde sind einfaches Recht und Verfassung voneinander getrennt worden. Der berühmte Federstrich des Gesetzgebers genügt, um das einfache Recht zu ändern. Änderungen des geltenden Rechts sind deshalb auch eine mögliche Reaktion auf die individuellen, gesellschaftliche und staatlichen Folgen globaler Netze. Sie sind aber nicht die einzig denkbare Antwort. Vor allem der globale Charakter der Netze mahnt die nationalen Gesetzgeber zur Vorsicht. Sie werden dadurch nicht machtlos. Sie können ihr eigenes Recht extraterritorial anwenden. Sie können auf die Bereitschaft anderer Länder vertrauen, fremdes Privatrecht durch kollisionsrechtliche Verweisung zu rezipieren. Schließlich können sie völkerrechtliche Verträge abschließen. Aber bevor ein Staat einen dieser Wege beschreitet, sollte er prüfen, ob nicht andere Lösungen vorzuziehen sind. Die private Selbstregulierung des Internet ist kein leeres Wort. Vor allem hat die Regulierungspraxis aber zu einer Fülle hybrider Lösungen gefunden. Dann leistet das staatliche Recht die Regelungsaufgabe nicht mehr allein, sondern im Zusammenwirken mit Privaten[51]. <128> Entschließt sich der Staat zum Handeln, sollte er zunächst prüfen, ob es wirklich um lokale Werte geht. Ein Trauma, der Schutz Minderjähriger oder der Schutz vor Gefahren in der äußeren Welt verlangen nach anderen Lösungen. Das normative Ziel staatlichen Handelns sollte nicht die Bewahrung isolierter lokaler Werte sein. Vielmehr sollte der Staat um die angemessene Balance der Werte besorgt sein. Die Aufgabe besteht auch nicht darin, diese Balance einzufrieren. Vielmehr kommt es auf einen ausgewogenen Prozess der Abwägung und Fortentwicklung der Werte an. Der Staat sollte nicht danach streben, die Modernisierung oder Pluralisierung zu verhindern. Wo möglich sollte er versuchen, materielle durch formelle Werte zu ersetzen, nicht umgekehrt. Im allgemeinen sind schwache Bindungen für unsere moderne Welt besser geeignet als starke. Das heißt allerdings nicht, dass der lokale Satz an Werten vollständig frei von materiellen Werten sein sollte. Illegitime Werte sollte der Staat nicht schützen. Auch sollte er nicht eingreifen, wenn globale Netze solche Institutionen unter Druck setzen, die bislang gut organisierten Gruppen dabei geholfen haben, Verteilungsgewinne zu sichern. Soziale Nischen verdienen Schutz, in denen sich andere Wertbalancen halten. Denn sie sind Teil eines Pools von Lösungen für sozialen Problemen, die der Gesellschaft später dringlich erscheinen mögen. Praktisch hat der Staat drei Optionen. Die erste ist die direkte Intervention in den Prozess der lokalen Wertbalance. Die zweite setzt an der Einwirkung globaler Netze auf diesen Prozess. Die dritte richtet sich auf andere Faktoren, die auf diesen Prozess ebenfalls einwirken. Die erste Option ist aus vielen Gründen problematisch. Dass der Staat direkt in den Prozess der individuellen und sozialen Bildung von Werten eingreift, ist in einem freiheitlichen Staat kaum zu rechtfertigen. Die verfassungsrechtliche Unterscheidung zwischen Staat und Gesellschaft soll gerade diese Einmischung verhindern. Im übrigen ist das auch praktisch nicht einfach zu bewerkstelligen. Ein staatliches Erziehungsprogramm mag noch im Stande sein, einen einzelnen Wert in den Köpfen der Bürger zu verankern. Ebenso mag es im Stande sein, einen einzelnen, älteren Wert daraus zu löschen. Totalitäre Regime haben gezeigt, wie beides funktionieren kann. Die individuelle Fähigkeit zur angemessenen Balance und Entwicklung eines Satzes an Werten ist dagegen ein viel ambitionierteres Erziehungsziel. Es setzt ein ganzheitliches Vorgehen voraus, das der Regierung verwehrt sein muss, solange Rechtsstaat und Demokratie erhalten bleiben. Indirekte Strategien, die an den Wirkungen globaler Netze auf den Prozess der Wertbildung ansetzen, sind leichter zu rechtfertigen und auch leichter zu bewerkstelligen. Allenfalls die amerikanische Regierung hätte aber eine realistische Chance, in dieser Absicht die Struktur globaler Netze zu ändern. Auch die amerikanische Regierung sollte darauf verzichten. Die Wirkung globaler Netze auf den Prozess der Bildung lokaler Werte ist bei weitem nicht stark genug, um eine derart weitreichende Empfehlung zu rechtfertigen. Es gibt andere, schonendere Mittel, um auf die verbliebenen Besorgnisse zu reagieren. Zwei sehr viel spezifischere normative Ziele sind dagegen gerechtfertigt. Es wäre wünschenswert, die Kommunikation in globalen Netzen mit mehr Kontext zu versehen. Mit Befehl und Zwang wird man das allerdings nicht erreichen. Schon eher könnte der Staat Aktivitäten begünstigen, vielleicht auch subventionieren, die in diese Richtung gehen. Rechtfertigen lassen sich außerdem staatliche Handlungen, die Techniken entgegenwirken, mit denen die Wahlfreiheit der Internetnutzer beeinträchtigt werden soll. Das bekannteste Beispiel sind die Push-Up-Techniken. Auch das ist aber kein Fall für Befehl und Zwang, denn damit würde der Staat kaum Erfolg haben. Er sollte besser auf den Wettbewerb technischer Lösungen setzen, mit denen sich die Individuen selbst helfen können. Geht ihm das zu langsam, mag er auch hier mit Subventionen zusätzliche Anstöße geben. Erwägenswert könnten auch verteilungspolitische Maßnahmen sein, falls diese Schutztechniken für die Bezieher kleiner Einkommen unerschwinglich sind. Hält der Staat ein Handeln zum Schutz der lokalen Wertbalance für unausweichlich, sollte er aber vor allem die dritte Option bedenken. Denn die traditionellen Medien haben einen viel schnelleren und kraftvolleren Zugriff auf lokale Werthaltungen als die Nutzung globaler Netze. Der Staat sollte seine Internetpolitik deshalb nicht isoliert betreiben, sondern als Teil einer allgemeineren Medien- und Kommunikationspolitik.
[1]Renate Köcher:Risikoeinschätzung und Haltungen zur Missbrauchskontrolle im Internet. Ergebnisse von Repräsentativbefragungen des Instituts für Demoskopie Allensbach in den USA, Australien und der Bundesrepublik, in: Jens Waltermann / Marcel Machill (Hrsg.): Verantwortung im Internet. Selbstregulierung und Jugendschutz, Gütersloh 1999, online abrufbar unter:http://www.stiftung.bertelsmann.de/internetcontent/deutsch/frameset.htm?content/c2000.htm. [2] CHRISTOPH ENGEL, Max-Planck-Projektgruppe Recht der Gemeinschaftsgüter Bonn, Vorsitz; KENNETH H. KELLER, University of Minnesota, Vorsitz; KENNETH DAM, University of Chicago Law School; PAUL A. DAVID, All Souls College, Oxford University/Stanford University; KLAUS W. GREWLICH, Deutscher Botschafter in Baku/Europakolleg Brügge/ Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; BERND HOLZNAGEL, Westfälische Wilhelms-Universität Münster; MICHAEL HUTTER, Universität Witten-Herdecke; KENNETH KENISTON, Massachusetts Institute of Technology; HENRY H. PERRITT, JR., Chicago-Kent College of Law, Illinois Institute of Technology; ROBERT SPINRAD, Xerox Palo Alto Research Center; RAYMUND WERLE, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln; MARTINA ZITTERBART, Institut für Betriebssysteme und Rechnerverbund Braunschweig. Dem Gremium stand ein Stab aus zwei deutschen und einem amerikanischen Wissenschaftler zur Seite: Herb Lin (Washington), Lorenz Müller (Berlin/Bonn), Wolf Osthaus (Bonn). [3] Christoph Engel / Kenneth H. Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values[Erstes Symposium Dresden, 18.-20. Februar 1999] (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000; Christoph Engel / Kenneth H. Keller (Hrsg.): Governance of Global Networks in the Light of Differing Local Values[Zweites Symposium Woods Hole, Massachusetts,4.-5. Juni 1999] (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 43), Baden-Baden 2000. [4]Im Augenblick ist der Bericht nur online unter der folgenden Adresse greifbar: http://www4.nationalacademies.org/cpsma/cstb.nsf/web/pub_globalnetworks?OpenDocument (24.1.2002). Die gedruckte amerikanische Fassung erscheint im Verlag National Academy Press. Die deutsche Fassung erscheint 2002 in einem deutschen Verlag. [5] S. dazu sogleich Bernd Holznagel: *** (in diesem Heft). [6] Vgl. dazu bereits Michael Hutter: Ökonomische Eigenheiten des e-commerce, in: AfP 31 (2000) 30-32.& [7] J. Douglas Bremner / Charles R. Marmar (Hrsg.): Trauma, Memory, and Dissociation, Washington DC 1998. [8] Horst Reimann: Tabu. In: Staatslexikon. Recht Wirtschaft Gesellschaft, 7. Aufl., Freiburg u.a. 1989, S. 420. [9] Joachim Wieland: Freedom of Information, in: Christoph Engel/Kenneth H. Keller(Hrsg.): Governance of Global Networks in the Light of Differing Local Values, Baden-Baden 2000, 83-104. [10] Zusammenfassend etwa Robert G. Vaughn (Hrsg.): Freedom of Information, Burlington 2000. [11] Programmatisch Günther Jakobs: Norm, Person, Gesellschaft, 2. Aufl., Berlin 1999. [12] Einer der prominentesten Vertreter dieser Denkschule ist Gary S. Becker: The economic approach to human behavior, Chicago 1976. [13] Characteristisch Elinor Ostrom: A Behavioral Approach to the Rational Choice Theory of Collective Action. Presidential Address American Political Science Association 1997, in: American Political Science Review, 92 (1) (March 1998), S. 1-22. [14] Grundlegend zur sozialen Einbettung individuellen Verhaltens Mark Granovetter: Economic Action and Social Structure: The Problem of Embeddedness, in: American Journal of Sociology 91 (3) (November 1995), S. 481-510. [15] Grundlegend Rudolf Smend: Verfassung und Verfassungsrecht, in: ders.: Staatsrechtliche Abhandlungen und andere Aufsätze, Berlin, Duncker & Humblot(1968) 119-276. [16] Eine knappe Zusammenfassung des systemtheoretischen Gedankengebäudes findet sich bei Niklas Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 1986; spezifisch zu den Wirkungen des Internet Dirk Baecker: Networking the Web, in: Christoph Engel / Kenneth H.Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42) Baden-Baden 2000, S. 93-111. [17] Programmatisch Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, I und II, Stuttgart 1992. [18] Näher zur psychologischen Dimension der Werte-Diskussion John Robert Anderson: Cognitive psychology and its implications5, New York 1999; Nicola Döring: Sozialpsychologie des Internet. Die Bedeutung des Internet für Kommunikationsprozesse, Identitäten, soziale Beziehungen und Gruppen, Göttingen u.a. 1999; Sara Kiesler / Jane Siegel / Timothy W. McGuire: Social Psychological Aspects of Computer-Mediated Communication. In: American Psychologist 39 (1984), S. 1123-1134; Sherry Turkle: Constructions and Reconstructions of Self in Virtual Reality: Playing in the MUD’s, in: The American Prospect no. 24, Winter 1996, online abrufbar unter http://www.prospect.org/archives/24/24turk.html. [19] Grundlegend Josef Esser: Vorverständnis und Methodenwahl in der Rechtsfindung, Frankfurt 1970. [20] Robert Alexy: Theorie der Grundrechte, 3. Aufl., Frankfurt am Main 1996. [21] Grundlegend Michael Thompson/Richard Ellis/Aaron Wildavsky: Cultural theory, Boulder, Colo., 1990; spezifisch zum Internet Michael Thompson: Global Networks and Local Cultures; What are the Mismatches and what can be done about them?, in: Christoph Engel / Kenneth H.Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000, S. 113-129. [22] Weiteres Material zur Erhellung der Funktion von Werten für die Einzelnen, die Gesellschaft und für den Staat findet sich etwa bei: Ekkehart Schlicht: On Custom in the Economy, Oxford 1998; Bruno S. Frey: Economics as a Science of Human Behaviour, 2. Auflage, Boston 1999. [23] Näher Gerd Gigerenzer / Peter M.Todd (Hrsg.): Simple Heuristics That Make Us Smart, Oxford 1999. [24] Wolfgang Kersting: Global Networks and Local Values. Some Philosophical Remarks from an Individualist Point of View, in: Christoph Engel / Kenneth H. Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000, S. 9-27 (13). [25] S. etwa Gebhardt Rusch / Siegfried Schmidt (Hrsg.): Konstruktivismus. Geschichte und Anwendung, Frankfurt am Main 1992. [26] Jakobs (oben FN 11). [27] Eine auch für Juristen gut lesbare Einführung in die Spieltheorie bieten Douglas G. Baird, Robert H. Gertner / Randal C. Picker: Game Theory and the Law, Cambridge, Mass. 1994. [28] Robert Boyd; Peter J. Richerson: The Evolution of Norms. An Anthropological View, in: Journal of Institutional and Theoretical Economics 150 (1994), S. 72-87. [29] Paul A. David: The Internet and the Economics of Network Technology Evolution, in: Christoph Engel / Kenneth H.Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000, S. 39-71 (67-71). [30] Ein Klassiker zum Totalitarismus ist Frank Neumann: Behemoth. The Structure and Practice of National Socialism 1933-1944, 5. Aufl., New York 1983. [31] Fritz W. Scharpf: Regieren in Europa: Effectiv und democratisch? Frankfurt 1999, 11-15. [32] Anthony Giddens: The Constitution of Society. Outline of the Theory of Structuration, Cambridge 1984. [33] Das ist der Grundgedanke von Jack Knight: Institutions and Social Conflict, Cambridge 1994. [34] Wolfgang Fikentscher: Wirtschaftsrecht II, München 1983, 11 spricht hellsichtig von dem Unterschied zwischen einer Aufwands- und einer Leistungsethik. [35] Grundlegend, aber entschiedener für formelle Werte Kersting (oben FN 24). [36] Näher zu dieser gedanklichen Figur Peter M. Haas: Introduction: Epistemic Communities and International Policy Coordination, in: International Organization 46, 1 (1992), S. 1-35. [37] S. dazu auch in Richard Münch: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft, Frankfurt am Main 1998; Ronald Robertson: Globalization, London 1992; Benno Werlen: Society, Action and Space. An alternative human geography, London 1993. [38] S. aus der mittlerweile reichhaltigen Literatur nur Lüder Gerken (Hrsg): Competition Among Institutions, Houndmills 1995; Monopolkommission, Sondergutachten 27, Systemwettbewerb, Baden-Baden 1998; Müller, Markus: Systemwettbewerb, Harmonisierung und Wettbewerbsverzerrung (Baden-Baden: Nomos, 2000). [39] Die Kategorie stammt von Albert O. Hirschman: Abwanderung und Widerspruch. Reaktionen auf Leistungsabfall bei Unternehmungen, Organisationen und Staaten (Schriften zur Kooperationsforschung A 8) Tübingen 1974. [40] Aus dem reichen Schrifttum zum Pluralismus s. etwa William Alton Kelso: American democratic theory : pluralism and its critics, Westport, Conn. 1978; Roman Herzog: Pluralismus, pluralistische Gesellschaft, in: Roman Herzog u.a. (Hrsg.) Evangelisches Staatslexikon, 3. Aufl., Stuttgart 1987, Bd. 2, S. 2539-2547. [41] S. zur Sorge um eine Konvergenz von Werthaltungen Benjamin B. Barber: Pangloss, Pandora or Jefferson? Three Scenarios for the Future of Technology and Democracy, in: Raymond Plant / Frank Gregory / Alan Brier (Hrsg.), Information Technology: The Public Issues. Manchester 1988, S. 177–191. [42] Starr Roxanne Hiltz / Murray Turoff: The network nation : human communication via computer, Cambridge, Mass. 1993; Kiesler / Siegel / McGuire (oben FN 18); Turkle (oben FN 24). [43] Einen Überblick über die technischen Möglichkeiten gebe ich in Christoph Engel: Das Internet und der Nationalstaat, in: Berichte der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht 39 (2000) 353-425 (356-365). [44] Joachim Weimann: Individual Behavior in a Free Riding Experiment, Journal of Public Economics, 54, 1994, S. 185-200. Iris Bohnet: Kooperation und Kommunikation, Tübingen 1997. [45] Näher Icek Ajzen / Martin Fishbein: Attitude-behavior relations. A theoretical analysis and review of empirical research, in: Psychological Bulletin 84 (1977), S. 888-918; Icek Ajzen / Thomas J. Madden: Prediction of goal directed behavior. Attitudes, intentions, and perceived behavioral control, in: Journal of Experimental Social Psychology 22 (1986), S. 453-474. [46] Zusammenfassend zu den psychologischen Lerntheorien Michael Domjan: The Principles of Learning and Behaviour, 4. Auflage, Pacific Grove 1998. [47] Saskia Sassen: The Impact of the Internet on Sovereignty: Unfounded and Real Worries, in: Christoph Engel / Kenneth H.Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000, S. 197-200. [48] “Community without propinquity” ist die griffige englische Formel von Thompson in Engel/Keller (oben FN 21) 118. [49] Anthony Downs: Social Values and Democracy, in: Kristen R. Monroe (Hrsg.), The Economic Approach to Politics: A Critical Reassesment of the Theory of Rational Action, New York 1991, S. 143-170; Miles Kahler : Information Networks and Global Politics, in: Christoph Engel / Kenneth H.Keller (Hrsg.): Understanding the Impact of Global Networks on Local Social, Political and Cultural Values (Law and Economics of International Telecommunications, Bd. 42), Baden-Baden 2000, S. 141-157. [50] Siegwart Lindenberg: Contractual Relations and Weak Solidarity, in: Journal of Institutional and Theoretical Economics 144 (1988), S. 39-58. [51] Näher Engel (oben FN 43) 403-418. | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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