Zur Rolle intuitiver und bewuss

Forschungsbericht (importiert) 2007 - Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern

Autoren
Glöckner, Andreas
Abteilungen
Zusammenfassung
Professionelle Entscheider wie Richter oder Manager haben täglich komplexe Situationen zu beurteilen. Dieser Beitrag stellt Entscheidungsstrategien sowie Probleme der praktischen Anwendung von Wahrscheinlichkeitstheorie und Heuristiken bei Rechtsurteilen vor. Es wird argumentiert, dass Entscheider durch die effiziente Verknüpfung intuitiver und bewusster Prozesse zu guten Entscheidungen gelangen. Eine Analyse der Strafprozessordnung zeigt, dass rechtliche Institutionen dies bereits partiell unterstützen.

Täglich werden professionelle Entscheider wie Richter und Manager mit wichtigen und gleichzeitig höchst komplexen Situationen konfrontiert. Häufig müssen dabei Entscheidungen unter Zeitdruck und auf Basis unvollständiger Informationen getroffen werden. Die Frage, welche Strategien genutzt werden sollten, um in solchen Situationen zu guten Entscheidungen zu gelangen, ist umstritten. Sollen Richter dazu angehalten werden, die Wahrscheinlichkeit der Schuld mathematisch zu berechnen? Führt die konkrete Vorgabe einfacher Entscheidungsregeln zu besseren Entscheidungen? Oder sollten Richter gar dazu verpflichtet werden, sich ausschließlich auf ihre Intuition zu verlassen? Offensichtlich setzt die Beantwortung dieser Fragen ein gutes Verständnis menschlicher Entscheidungsprozesse voraus. Im vorliegenden Beitrag wird argumentiert, dass Menschen insbesondere durch die effiziente Verknüpfung intuitiver und bewusster Prozesse zu guten Entscheidungen gelangen können.

Ein einfaches Beispiel soll die Problemstellung verdeutlichen. Firma A verklagt Busunternehmen B wegen der Beschädigung eines Hoftors auf Schadenersatz. Am Hoftor wurden spezielle blaue Lackspuren gefunden. Es ist bekannt, dass es genau 100 Busse mit diesem Lack gibt und dass 80 davon Busunternehmen B gehören. Leider sind keine weiteren Informationen verfügbar. Zum Vergleich eine andere Situation: Das Hoftor wurde beschädigt und der Tathergang von einem Zeugen beobachtet. Es ist bekannt, dass der Zeuge unter den gegebenen Umständen (Lichtverhältnisse, Entfernung) nur in 80 von 100 Fällen korrekt identifizieren kann, zu welchem Unternehmen der Bus gehört.

Wahrscheinlichkeitstheorie und deren Grenzen

Aus einer wahrscheinlichkeitstheoretischen Perspektive sind beide Situationen gleich zu bewerten. Die (bedingte) Wahrscheinlichkeit, dass das Tor durch einen Bus von Unternehmen B beschädigt wurde, beträgt in beiden Fällen 80 Prozent. In zivilrechtlichen Fällen gilt in den USA zumeist die Regel, dass bei überwiegender Wahrscheinlichkeit, also bei Wahrscheinlichkeiten über 50 Prozent, verurteilt werden sollte. Entsprechend sollte es im Beispiel in beiden Fällen zu einer Verurteilung kommen. Bei Anwendung strengerer (probabilistischer) Beweismaßstäbe sollte in beiden Fällen zumindest gleich entschieden werden. Dies widerspricht allerdings dem Rechtsgefühl: Eine Verurteilung auf Basis der Lackspuren wirkt ungerecht [1], während eine Verurteilung aufgrund der Zeugenaussage als eher vertretbar erscheint. Eine Studie mit juristischen Laien zeigte tatsächlich eine bedeutsam höhere Verurteilungsrate bei Vorgabe der Zeugenaussage im Vergleich zu den Lackspuren. Es bleibt somit festzuhalten, dass anhand der Wahrscheinlichkeitstheorie abgeleitete Entscheidungen sowohl dem Rechtsgefühl von juristischen Experten als auch dem Entscheidungsverhalten von Laien widersprechen können. Dies klärt allerdings noch nicht die Frage, ob das teilweise auf intuitiven Prozessen beruhende Rechtsgefühl oder die bewusst angewendete Wahrscheinlichkeitstheorie zu besseren Entscheidungen führt.

Die meisten richterlichen Entscheidungen basieren im Gegensatz zum dargestellten Bus-Beispiel auf einer Vielzahl von Informationen. Daraus ergeben sich weitere Schwierigkeiten bei der Anwendung der Wahrscheinlichkeitstheorie. So zeigte sich bei der Anwendung des Bayes-Theorems, nach dem bedingte Wahrscheinlichkeiten berechnet werden, auf den O.J.-Simpson-Fall, dass die für die Kalkulation benötigten Ausgangswahrscheinlichkeiten kaum zuverlässig zu schätzen sind [2]. Das Problem vergrößert sich weiterhin dadurch, dass bedingte Wahrscheinlichkeiten in rechtlichen Fällen oft nicht unabhängig voneinander sind und die Aussagekraft jeder einzelnen Information somit von anderen Informationen abhängt.

Heuristiken

Komplex-mathematische Entscheidungsstrategien sind oft in der Praxis auch aus anderen Gründen nur schwer anwendbar: Notwendige Berechnungen können die kognitiven Kapazitäten von Menschen übersteigen, Zeitdruck kann deren vollständige Ausführung verhindern oder die Kosten für die Anwendung der Strategie können höher ausfallen als der zu erwartende Nutzen. Alternativ wurde vorgeschlagen, dass Personen über eine Vielzahl einfacher Entscheidungsstrategien (Heuristiken) verfügen, die sie adaptiv zur jeweiligen Situation einsetzen. Das zentrale Merkmal dieser Heuristiken ist, dass nur ein Teil der vorliegenden Informationen berücksichtigt und mittels einfacher Operationen integriert wird.

Ein prototypisches Beispiel für eine Heuristik stellt die Take-the-best-Strategie dar, bei der lediglich die zuverlässigste Information betrachtet wird. Nur wenn diese Information keine Entscheidung zulässt, werden weitere Informationen in der Reihenfolge ihrer Zuverlässigkeit berücksichtigt. So könnte in einem Prozess bei Vorliegen eines Geständnisses ohne Berücksichtigung weiterer Informationen entschieden werden. Liegt kein Geständnis vor, würde beispielsweise geprüft, ob es belastende Aussagen von Augenzeugen gibt. Wenn dies der Fall ist, würde wiederum sofort entschieden. Es konnte nachgewiesen werden, dass solche einfachen Strategien in bestimmten Umwelten zu guten Entscheidungen führen [3].

Allerdings lassen sich im rechtlichen Kontext leicht Fälle konstruieren, bei denen die Anwendung von Heuristiken sowohl in der Vorgehensweise als auch im Ergebnis dem Rechtsgefühl widerspricht. Bei strikter Anwendung der beschriebenen Take-the-best-Strategie – die in ähnlicher Form im ersten allgemeinen deutschen Strafgesetzbuch von 1532 enthalten ist – wäre es nicht möglich, eine Person bei Vorliegen eines Geständnisses freizusprechen, auch wenn eine Betrachtung der übrigen Informationen deren Unschuld nahelegt. Die Anwendung von Heuristiken wird in der aktuellen Strafprozessordnung durch die Anforderung der „erschöpfenden Beweiswürdigung“ großenteils ausgeschlossen [4].

Dieser Argumentation folgend steht ein Richter offensichtlich vor einem Dilemma: Sowohl die Anwendung rationaler Strategien auf Basis der Wahrscheinlichkeitstheorie als auch die Anwendung von Heuristiken scheint mit Problemen behaftet zu sein.

Entscheidungen auf Basis intuitiver und bewusster Prozesse

Einen Ausweg stellt die Nutzung von „intuitiven“, also partiell auf automatisch-unbewussten Prozessen basierenden Entscheidungsstrategien dar. So bekannten erfahrene Richter im Zuge des Legal Realism, einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Amerika entwickelten Rechtstheorie, sich bei Entscheidungen auf ihre Intuition zu verlassen, und empfahlen diese Vorgehensweise sogar als notwendiges Prinzip guten richterlichen Entscheidens [5].

Psychologische Befunde deuten in der Tat darauf hin, dass eine bewusste Reflexion in bestimmten Situationen zur Verschlechterung der Entscheidung führen kann [6]. In Erweiterung dieses Ansatzes postulieren Glöckner und Betsch [7], dass nicht die alleinige Nutzung von Intuition, sondern die effiziente Kombination intuitiver und bewusster Prozesse gute Entscheidungen ermöglicht. Das vorgeschlagene Parallel-Constraint-Satisfaction-Modell der Entscheidung (PCS-Modell) hat den Anspruch, diese Prozesse sowie deren Zusammenspiel zu beschreiben.

Das Parallel-Constraint-Satisfaction-Modell der Entscheidung.
Netzwerkrepräsentation einer rechtlichen Entscheidung auf Basis von zwei Informationen.

Das PCS-Modell (Abb. 1) postuliert, dass Intuition nicht auf irrationalen Gefühlen basiert, sondern ein Produkt automatischer Abwägungsprozesse von unterschiedlichen Informationen ist. Zu unterscheiden sind dabei die Informationsbasis, die als neuronales Netzwerk der Informationen modelliert wird (Abb. 2), und der Informationsverarbeitungsprozess, der mittels automatischer Aktivierung in diesem Netzwerk implementiert wird. In einem Konsistenzmaximierungsprozess wird Widersprüchlichkeit verringert und die beste Interpretation der gegebenen Informationen gebildet. Diese wird automatisch akzentuiert und entweder als komplette mentale Repräsentation der Situation (Intuition als Einsicht oder Überzeugung) oder als unbestimmtes Gefühl (Intuition als Signal) in das Bewusstsein übermittelt. Es wird angenommen, dass sich der zu Grunde liegende Konsistenzmaximierungsmechanismus in der evolutionären Entwicklung der Kognition aus Prozessen der Wahrnehmung entwickelt hat.

Glöckner und Betsch [7] gehen davon aus, dass ein Großteil täglicher Entscheidungen ausschließlich unter Nutzung dieser intuitiven Prozesse getroffen wird. Es ist hierbei nicht notwendig, bewusst zu reflektieren, vielmehr ist sofort „ersichtlich“, welche Option zu wählen ist. Im Gegensatz zu einfacheren Lebewesen hat der Mensch im Lauf der Evolution zusätzlich bewusste Mechanismen der Überwachung und Beeinflussung intuitiver Prozesse entwickelt. Diese werden aktiviert, wenn sich anhand der Informationsbasis keine eindeutige und der Bedeutung der Entscheidungssituation angemessene Interpretation konstruieren lässt. Durch Modifikation und Vervollständigung der Informationsbasis wird dann die Bildung einer konsistenten Interpretation unterstützt. Fehlende Information wird ergänzt, irrelevante Information wird ausgeschlossen. Dadurch wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die Informationsbasis die Struktur des Problems korrekt abbildet.

Das PCS-Modell sagt vorher, dass Menschen in der Lage sind, eine Vielzahl von Informationen in kürzester Zeit zu verarbeiten. Steigt die Widersprüchlichkeit der Informationsbasis, ist von längeren Entscheidungszeiten und abnehmender Sicherheit bei Entscheidungen auszugehen. Weiterhin ist anzunehmen, dass die Interpretation von Informationen im Entscheidungsprozess verändert wird. Alle Vorhersagen konnten empirisch gestützt werden [8]. Simulationen zeigen darüber hinaus ein erstaunliches Ergebnis: Intuition nähert sich an komplex-rationale Strategien an, wenn die Informationsbasis die Struktur der Entscheidungssituation korrekt abbildet. Dies ist unter anderem dann zu erwarten, wenn Entscheider über Expertise in einem Gebiet verfügen, was bei erfahrenen Richtern der Fall sein dürfte.

Nach dem PCS-Modell sind sowohl intuitive als auch bewusste Prozesse ein zentraler Bestandteil guten Entscheidens. Erstere ermöglichen die schnelle Verarbeitung einer Vielzahl von Informationen unter Einbezug von Erfahrungen. Letztere überwachen diesen Prozess und unterstützen ihn durch Informationsproduktion, Informationssuche und mentale Simulation. Folglich sollte in bedeutsamen Entscheidungssituationen stets die bewusste Prüfung der Informationsbasis, aber auch die auf intuitiven Prozessen basierende Prüfung der Stimmigkeit der Gesamtinterpretation durchgeführt werden.

Die Unterstützung guter Entscheidungen durch die Strafprozessordnung

Eine Analyse der deutschen Strafprozessordnung verdeutlicht, dass diese die effiziente Kombination bewusster und intuitiver Prozesse unterstützt [9]. So bietet beispielsweise die „freie Beweiswürdigung“ Spielraum für die Anwendung von Intuition und zwingt Richter nicht dazu, mathematische Berechnungen oder Heuristiken anzuwenden. Das für eine Verurteilung notwendige Beweismaß der „richterlichen Überzeugung“ vermeidet ebenfalls eine Festlegung des Richters auf eine Wahrscheinlichkeit und ist somit vereinbar mit dem Ergebnis intuitiver Prozesse. Die Stimmigkeit der Interpretation der Sachlage – auch im Vergleich zu anderen Interpretationen – kann direkt als Entscheidungskriterium herangezogen werden. Weiterhin werden Richter angehalten, alle alternativen Interpretationen der Sachlage zu berücksichtigen, und sind verpflichtet, Entscheidungen schriftlich zu begründen. Beides veranlasst sie dazu, die Informationsbasis ihrer Entscheidung bewusst zu prüfen.

Das PCS-Modell ist in der Lage, Entscheidungen in komplexen, auch juristischen Kontexten zu erklären und Empfehlungen für gutes Entscheiden zu geben. Es kann erklären, wie Richter ohne mathematische Kalkulationen oder Heuristiken zu guten Entscheidungen gelangen, und zeigt auf, wie sie dabei durch rechtliche Institutionen unterstützt werden. Weitere Forschung ist notwendig, um Ansatzpunkte für mögliche Verbesserungen des Rechts zu identifizieren sowie das PCS-Modell weiterzuentwickeln und vertieft zu testen.

Originalveröffentlichungen

1.
G. Gigerenzer, P.M. Todd:
Simple Heuristics that Make Us Smart: Evolution and Cognition.
Oxford University Press, New York 1999.
2.
A. Glöckner:
Does Intuition Beat Fast and Frugal Heuristics? A Systematical Empirical Analysis.
In: Intuition in Judgment and Decision Making. (Eds.) H. Plessner, C. Betsch and T. Betsch. Lawrence Erlbaum, Mahwah, NJ, 2007, 309–325.
3.
A. Glöckner:
How Evolution Outwits Bounded Rationality. The Efficient Interaction of Automatic and Deliberate Processes in Decision Making and Implications for Institutions.
In: Better Than Conscious? Implications for Performance and Institutional Analysis. Strüngmann Forum Report 1. (Eds.) C. Engel & W. Singer. MIT Press, Cambridge, MA 2008.
4.
A. Glöckner, T. Betsch:
Modelling option and strategy choices with connectionist networks: Towards an integrative model of automatic and deliberate decision making.
MPI Collective Goods Preprint Paper No. 2/2008. Bonn 2008.
5.
J. C. Hutcheson:
The judgment intuitive: The function of the “hunch” in judicial decision making.
Cornell Law Quarterly 14, 274–288 (1929).
6.
J. D. Jackson:
Analysing the New Evidence Scholarship: Towards a New Conception of the Law of Evidence.
Oxford Journal of Legal Studies 16, 2, 309–328 (1996).
7.
A. Schoreit:
StPO § 261 [Freie Beweiswürdigung / Free judgment of the evidence].
In: Karlsruher Kommentar zur Strafprozessordnung und zum Gerichtsverfassungsgesetz mit Einführungsgesetz [Karlsruhe commentary on the code of criminal procedure and on judiciary law with the introductory act]. (Ed.) G. Pfeiffer. Beck, Munich 2003.
8.
P. Thagard:
Why wasn't O.J. convicted? Emotional coherence in legal inference.
Cognition & Emotion 17, 3, 361–383 (2003).
9.
T. D. Wilson, J. W. Schooler:
Thinking too much: Introspection can reduce the quality of preferences and decisions.
Journal of Personality and Social Psychology 60, 2, 181–192 (1991).
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