Verräterische Spiele hinter Gittern

Gefängnisinsassen sind nicht selbstsüchtiger als Durchschnittsbürger

29. April 2013

Überraschendes Ergebnis einer experimentellen Spielstudie mit Gefängnisinsassen: Verurteilte Straftäter sind keineswegs größere Egoisten als gewöhnliche Durchschnittsbürger, die noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Daraus schließen Christoph Engel, Direktor am Max-Plack-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, und seine Kollegen Thorsten Chmura und Markus Englerth: Menschen werden nicht deshalb straffällig, weil sie selbstsüchtiger sind als andere.

"Die Abwesenheit von Kriminalität ist wesentlich schwieriger zu erklären als ihr Vorkommen - zumindest nach Kriterien der rationalen Entscheidungstheorie", beschreibt Engel das Problem. Denn das Standardmodell der rationalen Entscheidungstheorie, der ausschließlich auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Homo oeconomicus, liefert in diesem Fall keine Erklärung. "Besonders im Bereich der Kleinkriminalität ist das Risiko, erwischt und bestraft zu werden, regelmäßig geringer als der Nutzen aus der Strafttat", stellt er fest. Tatsächlich verhält sich die Mehrheit der Bürger jedoch anders und ist gesetzestreu.

Um diesen rätselhaften Widerspruch zwischen Theorie und Praxis zu lösen, verfolgten die drei Bonner Wissenschaftler einen anderen Ansatz. "Möglicherweise sind es soziale Präferenzen, die Menschen von Straftaten abhalten", lautete ihre Ausgangshypothese, die sie hinter die Mauern der Adelheimer Jugendvollzuganstalt brachte. "Schließlich brauchten wir Teilnehmer mit ausgewiesenen kriminellen Neigungen", sagt Engel. "Eine Jugendvollzugsanstalt erschien uns als optimaler Ort, weil jugendliche Straftäter erst dort landen, wenn sie Einiges auf dem Kerbholz haben. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit haben sie wirklich das Gesetz verletzt". 58 der Insassen erklärten sich bereit, bei dem Diktatorspiel, das die Forscher ausgewählt hatten, mitzumachen.

Mit diesem Spiel verfügen die Verhaltensökonomen über ein bewährtes Instrument, um die sozialen Präferenzen der Spieler zu ermitteln. "Gibt man zwei Menschen eine bestimmte Summe Geld, wobei nur einer von ihnen mit dem Geld machen kann, was er will, entscheiden sich die meisten Spieler zum Teilen - selbst, wenn die Spielsituation anonym gehalten ist", beschreibt Engel das in vielen Experimenten erprobte Resultat dieses Klassikers aus der Spielkiste experimentellen Verhaltensökonomik. Jetzt sollte er zeigen, inwieweit die Insassen des Adelheimer Jugendgefängnisses bereit sind, zu Gunsten anderer zu verzichten.

Straftäter sind nicht per se egoistisch

"Wir hatten erwartet, dass die Bereitschaft zu teilen, deutlich geringer ausfällt als in Experimenten mit Durchschnittsbürgern", so Engel. Tatsächlich aber stellte sich das Gegenteil heraus. Nur 34,48 Prozent der Teilnehmer erwiesen sich als wahre Egoisten und behielten die kompletten fünf Euro Einsatz für sich allein. Im Vergleich mit den Daten aus einer Metastudie über die Ergebnisse von Diktatorenspielen mit "normalen" Bürgern schneiden diese schlechter ab. "Von ihnen behielten 36,11 Prozent alles für sich", so Engel. Unterm Strich wurden in diesen Spielen 28,35 Prozent des Geldes gespendet - im Gefängnis waren es dagegen 29,31 Prozent. Auch gab es dort eine kleine Gruppe, die sogar über die Hälfte der Summe an ihren anonymen, zufällig bestimmten Spielpartner abtrat. Das kommt auch außerhalb des Gefängnisses gelegentlich vor, ist aber ungewöhnlich.

Dass dies nicht nur ein Solidaritätsakt unter Schicksalsgenossen war, zeigte ein weiteres Experiment, das die Forscher drei Jahre später mit einer neuen Gruppe von Häftlingen durchspielten. Zunächst replizierten die Forscher ihr früheres Ergebnis. "Die Aussage ist also verlässlich", so Engel. Außerdem fügten sie nun eine zweite Runde hinzu. Die Bedingungen dieses zweiten Diktatorspiels waren identisch mit dem ersten - bis auf die Spendenadresse: Anstelle eines Mithäftlings ging der Obolus an die Wohltätigkeitsorganisation "Brot für die Welt". Wie sich zeigte, gaben die Häftlinge an die Ärmsten der Armen sogar noch mehr ab als an andere Häftlinge. Außerdem waren sie auch in diesem Spiel großzügiger als Durchschnittsbürger. „Jetzt wissen wir, dass die Gefangenen weder so viel geben, weil sie Angst vor Sanktionen ihrer Mithäftlinge haben, noch weil sie sich solidarisch mit anderen Häftlingen fühlen. Sie sind einfach genauso wenig - oder genauso viel - selbstsüchtig wie ein Durchschnittsbürger“. Eine sehr plausible Erklärung für Kriminalität ist somit falsch: Menschen werden nicht deshalb straffällig, weil sie egoistischer sind als andere.

BF

Zur Redakteursansicht